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WOODSTOCK – EINE LEGENDE WIRD 50

Flower-Power, freie Liebe, bewusstseinserweiternde Substanzen und jede Menge Top-Acts – Das würde wohl jeder als erstes mit dem legendären dreitägigen Woodstock-Festival (15. - 18.08.1969) verbinden. Doch was hat die „Mutter aller Festivals“ zu dem Mythos mutieren lassen, der sie heute ist? Zum 50-jährigen Woodstock-Jubiläum nehmen wir Euch mit auf eine kleine Zeitreise ins Jahr 1969.

Woodstock in Zahlen:

Betrachtet man allein den Spirit sowie die medialen und gesellschaftlichen Nachwirkungen, kann man das „Woodstock Music & Art Fair presents An Aquarius Exhibition – 3 Days of Peace & Music“ – Festival durchaus als DAS Festival bezeichnen. Allerdings war es keineswegs das erste Festival seiner Art: Das Seattle Pop Festival oder das Aquarian Family Festival, die teilweise noch spektakulärere Acts zu bieten hatten, sind zumindest zeitlich vor Woodstock einzuordnen.

Die blanken Zahlen des Woodstock-Festivals machen das Hippie-Happening von '69 allerdings zu einem Festival der Superlative: Die rund 500.000 (eine halbe Million!) Festival-Besucher verursachten bei der Anreise bis zu 27 Kilometer Stau und teilten sich über die 3 Tage, an denen das Festival stattfand, gerade einmal 600 Toilettenhäuschen. Auf jede Toilette kamen also rund 800 Besucher. Zum Vergleich: Beim Wacken Open Air 2017 teilten sich 75 Besucher eine Mobiltoilette. Eine Wohltat für den Körper war das Festival generell nicht: Die 18 Festival-Ärzte mussten am zweiten Tag von 50 weiteren Medizinern unterstützt werden. Unter den 6.000 Besuchern, die medizinische Hilfe benötigten, befanden sich auch zwei Geburten und vier Todesfälle.

Generell ging es auf dem rund 240 Hektar großen Festivalgelände nicht gerade gemütlich zu: Herrschten zu Beginn noch hochsommerliche Temperaturen von 35° Celsius, verwandelten aufziehende Stürme das Areal in ein riesiges Schlammfeld.  

Künstlerkolonie Woodstock:

Woodstock – Die Kleinstadt im Bundesstaat New York diente letztendlich nur noch als Namensgeber für das Festival of Love and Peace. Denn tatsächlich fand die legendäre Großveranstaltung im 70 Km entfernten Bethel auf den Ländereien des Milchbauern Max Yasgur statt. Die Stadt Woodstock galt hingegen als Enklave für diverse Künstler aus verschiedenen Bereichen – allen voran Bob Dylan. Einer der Woodstock-Initiatoren, Michael Lang, fand in diesem El Dorado für Künstler sein neues Zuhause und plante dort den Aufbau eines Tonstudios.  Durch diverse Verbindungen mit Gleichgesinnten wuchs die Idee eines großen Festivals heran. Schnell waren die notwendigen finanziellen Mittel aufgetrieben, jedoch sträubten sich die Anwohner Woodstocks gegen das Festival, weswegen Lang & Co. letztendlich nach Bethel ausweichen mussten.

Mit Sahnetorten und Sprudelflaschen:

Vor allem der friedliche Charakter des Woodstock-Festivals hallt auch heute noch nach. Dieser Frieden kam jedoch nicht von ungefähr, sondern ist unter anderem auch auf die betriebene Sicherheitspolitik zurückzuführen. Michael Lang bekam auf dem „Denver Pop Festival“ mit, was passiert, wenn Polizei-Hundertschaften zu offensiv agieren. Szenen mit Schlagstöcken und Pfefferspray wollte Lang vermeiden. Also setzten die Initiatoren von Woodstock zum einen auf Polizisten aus New York mit hippiefreundlicher Gesinnung. Zum anderen wurden die Hog Farmer engagiert. Das waren Anhänger einer kalifornischen Hippiekommune, die campingunerfahrenen Gästen Hilfestellung leisten sollten, eine Großküche auf dem Festival betrieben und sich um Drogenopfer kümmerten – quasi Hilfe vom Fach. Der Anführer der Hog Farmes, Hugh Ramney aka Festivalclown Wavy Gravy, antwortete auf die Journalistenfrage, wie er und seine Leute die Massen in Schach halten wollen: „Mit Sahnetorten und Sprudelflaschen“. Die entspannte Art der Hippie-Security trug maßgeblich zum friedlichen Verlauf des Festivals bei. 

Jimi Hendrix plays the Star Spangled Banner [Woodstock 1969] National Anthem on Guitar
Jimi Hendrix plays the Star Spangled Banner [Woodstock 1969] National Anthem on Guitar

The Star-Sprangled Banner:

Doch die Besucher des Woodstock-Festivals interessierten sich natürlich hauptsächlich für die musikalischen Acts. Trotz einiger hochkarätiger Absagen (Rolling Stones, Led Zeppelin, John Lennon), konnte sich das Line-Up durchaus sehen lassen. Vor allem dem Auftritt von Jimi Hendrix wurde entgegengefiebert. 

Hendrix, der dank massiven Drogenkonsums bereits 3 Tage wach war, ließ sich von diesem Zustand nichts anmerken und lieferte eine gewohnt virtuose Show ab. Nach seinem Hit „Voodoo Child“ ging Hendrix nahtlos in seine eigene Interpretation von „The Star-Sprangled Banner“ über – die Nationalhymne der USA. Durch Effektpedale, Rückkopplungen und den Vibrato-Hebel ahmte Hendrix zwischen der eingängigen Melodie Bombeneinschläge, Maschinengewehr-Beschuss und abgeschossene Raketen nach. Von Hendrix nie offiziell bestätigt, wurde diese Darbietung als Kritik der amerikanischen Politik und am Vietnam-Krieg interpretiert und entwickelte sich zur Hymne des Woodstock-Festivals.

Santana's Acid Trip
Santana's Acid Trip

Carlos Santana und die Schlangen-Gitarre:

Santana bespielte als blutjunger Musiker das Woodstock-Festival. Als er auf das imposante Meer von Zuschauern blickte, hatte er mit seiner Band nicht mal ein Album veröffentlicht. Die Debüt-Scheibe „Santana“ erschien erst einige Wochen nach dem legendären Festival. Doch Santana hatte ganz andere Probleme als Lampenfieber oder mangelnde Bekanntheit: Vor dem Auftritt wurde ihm von Jerry Garcia, seines Zeichens Gitarrist bei Grateful Dead, LSD angeboten. Da Santana dachte, er spiele erst in fünf Stunden, nahm er es – und wurde eine halbe Stunde später auf die Bühne zitiert. Während er ohnehin Probleme damit hatte, die Töne zu treffen, verwandelte sich seine Gitarre in eine Schlange. Zumindest dachte er das. Zum Thema „Drogenkonsum unter Künstlern“ wurde auch Michael Lang befragt: „Für viele von ihnen war das ein natürlicher Zustand, daher habe ich mir deswegen keine Sorgen gemacht.

With a little help from my friends:

Die 70er Jahre meinten es bis dato nicht gut mit dem gelernten Gasinstallateur John Robert „Joe“ Cocker. Seine von wenig Erfolg gekrönte Musiker-Karriere erfuhr jedoch eine jähe Wendung ins Positive, als Joe Cocker sein Publikum beim Woodstock-Festival mit seiner Reibeisenstimme und einem Cover von dem Beatles-Song „With A Little Help From My Friends“ verzauberte. Direkt nach Cockers Auftritt setzte ein starker Sturm ein. Das Festival versank im Schlamm und musste für drei Stunden unterbrochen werden.

Der Auftritt beim Woodstock-Festival markierte dabei Cockers Sprungbrett  zu weltweitem erfolg, ehe er in den 80er Jahren dem Alkohol und den Drogen verfallen sollte. Letztendlich war es Woodstock-Mitbegründer Michael Lang, der sich um Cocker kümmerte, ihn managte und ihn aus dem Drogensumpf zog. Alles ist möglich, wenn einem die Freunde etwas helfen.

The Who und der Aktivist:

Sehr unterschiedlich wurde das Woodstock-Festival von den Mitgliedern der Band The Who interpretiert. Während Sänger und Gitarrist Roger Daltrey das Festival als politisches Happening honorierte und der dort versammelten Gemeinschaft „mehr als nur eine Spaß-Gemeinschaft“ zu sein bescheinigte, hatte Pete Townshend schon im Vorfeld die Nase gestrichen voll von dieser „ganzen heuchlerischen Veranstaltung“. Klar, seine Frau Karen hatte gerade die gemeinsame Tochter zur Welt gebracht, während The Who tourten – die Motivation noch eine Zusatz-Show zu spielen, war also generell niedrig. Aber Townshend hatte auch ideelle Probleme mit der gefeierten Großveranstaltung:

„Die Leute beim Woodstock-Festival waren ein Haufen Heuchler, Typen, die meinten, eine kosmische Revolution ausrufen zu können, nur, weil sie ein großes Feld eingenommen hatten, dabei ein paar Zäune niedergerissen hatten, schlechtes Acid nahmen und dann versuchten wieder abzuhauen - ohne Geld für die Bands zu zahlen.“ 

Townshend ließ sich dennoch überreden und auch seine Frau und sein neugeborenes Kind wurden auf das Gelände eingeflogen – generell wurden wegen der großen Besucher-Massen beinahe alle Künstler mit Hubschraubern eingeflogen. Seinen Frust ließ der frisch gebackene Familienvater ausgerechnet während des Auftritts an einem politischen Aktivisten aus. Der Aktivist Abbie Hoffman betrat während der Show die Bühne, ging an Townshends Mikrofon und begann über die politische Situation zu sprechen. Pete zog ihm kommentarlos die Gitarre über den Kopf. Während Daltrey bezüglich der moralischen Aspekte des Woodstock-Festivals eine gegensätzliche Meinung zu seinem Kollegen Townshend vertrat, hatte er für dessen Ärger gegenüber dem Bühnen-Piraten Hoffman Verständnis:

„Doch. Ich hätte ihn auch weggejagt. Denn niemand rennt verdammt noch mal einfach so auf die Bühne, wenn The Who dort gerade spielen. Wo kommen wir denn da hin?“

+++ hier das komplette Interview +++

Was von Woodstock geblieben ist

Das alles ist nun 50 Jahre her und das Phänomen Woodstock '69 scheint ein Phänomen zu bleiben, denn das diesjährig geplante Jubiläums-Festival wurde nach einigen unerwarteten Rückschlägen abgeblasen. Aber vielleicht ist das auch ganz gut so: Woodstock war unvollkommen, es war chaotisch und es war schmutzig. Aber die Menschen haben es ohne Murren ertragen und sind noch näher zusammengerückt. Und auch wenn Pete Townshend mit seiner Meinung über einige Festival-Besucher teilweise richtigliegt, ist es tatsächlich der vielzitierte „Spirit of Woodstock“, der in Erinnerung bleiben sollten. Wie oft passiert es, dass rund 500.000 Menschen an einem Ort zusammenkommen, ohne dass es in gewalttätigen Ausschreitungen gipfelt? Für die Anwohner der Region war Woodstock mit einigen Unannehmlichkeiten verbunden – dennoch halfen sie mit Lebensmitteln aus, als den Veranstaltern schon am zweiten Festival-Tag das Essen ausging. Dass Michael Lang und seine Kollegen dann auch noch großes Engagement in eine nachhaltige Dokumentation der Ereignisse gesteckt haben, hat das Woodstock-Festival nachträglich auch medial zu einem monumentalen Ereignis gemacht. All diese widrigen Umstände und der Geist der damaligen Zeit haben Woodstock ausgemacht und authentisch werden lassen. Eine Neuauflage wäre selbstverständlich eine schöne Sache. Allerdings hätte sie nie den Effekt erzielen können, den die Ur-Veranstaltung hatte. Michael Lang beschreibt den Sinn hinter Woodstock wie folgt:

„Es war eine wundervolle Durchführung eines Experiments, bei dem wir herausfinden wollten, ob sich eine menschliche Gemeinschaft bilden lässt, die auf Freundlichkeit, Mitgefühl und Respekt füreinander aufbaut.“

Wenn wir uns von Woodstock etwas behalten sollten, dann ist es die Erkenntnis, dass das Experiment geglückt ist. Und das kann man nicht nur auf Festivals, sondern auch auf das alltägliche Leben anwenden. Love, Peace and Rock’n’Roll!